Erkenntnisse, die wir aus dem Lockdown mitnehmen können

 

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Was passiert mit Asperger-Kindern und -Jugendlichen, wenn der normale Schulalltag wegfällt und eine Zwangspause eingelegt werden muss bzw. darf? Welche Lehren ziehen wir aus der Zeit des Lockdowns? Und können wir vielleicht etwas davon in den „normalen“ Alltag hinüberretten?

1. Entschleunigung tut gut

Kinder und Jugendliche mit Asperger-Syndrom nehmen Umweltreize bekanntlich viel intensiver wahr als ihre neurotypischen Altersgenossen. Im Schulalltag kann dies besonders belastend sein. Die permanente Geräuschkulisse und die vielen visuellen Eindrücke sind für autistische Kinder sehr ermüdend. In dieser Hinsicht bedeutete der Lockdown vor allem eines: weniger Umweltreize, weniger Ablenkung, weniger Herumgehetze und somit weniger Stress. Die Zeit zu Hause mit der Familie in einem kleinen überschaubaren Rahmen war für Kinder und Jugendliche mit Asperger-Syndrom eine Wohltat. Auch Rituale und Routinen liessen sich durch die Entschleunigung besser einhalten.

Fazit: Gönnen wir autistischen Kindern und Jugendlichen auch im normalen Alltag möglichst viele Ruheinseln. Diese sind für ihre Regeneration enorm wertvoll. Als Eltern von einem Kind mit Asperger-Syndrom machen Sie nichts falsch, wenn Sie die Freizeit möglichst stressfrei gestalten.

2. Warum kompliziert, wenn es auch einfach geht?

Der Instrumentalunterricht per Videokonferenz, die Turnstunde im eigenen Wohnzimmer, warum nicht? Die Technik macht‘s möglich. Der Weg in die Klavierstunde konnte man sich während des Lockdowns sparen und das Kind war erst noch konzentrierter bei der Sache, da die Ablenkung durch andere Kinder oder sonstige Reize wegfiel. Asperger-Kindern und -Jugendlichen kam diese Art des Unterrichts definitiv entgegen, da ihnen in vielerlei Hinsicht Stress erspart blieb und sie sich auf das Wesentliche konzentrieren konnten.

Fazit: Behalten wir die vielen Möglichkeiten, die uns die Technik bietet, im Hinterkopf. Ist Ihr Kind gestresst, weil es am Abend nochmals raus muss für die Klavierstunde? Vielleicht ginge es jedes zweite Mal auch per Videokonferenz?

3. Weniger soziale Komplexität ist sehr wohltuend

Defizite in der sozialen Interaktion und Kommunikation gehören zu den Haupt-Diagnosekriterien einer Autismus-Spektrum-Störung. Das Erkennen und Einordnen von Emotionen, aber auch die wechselseitige Kommunikation bereiten Kindern mit einem Asperger-Syndrom Schwierigkeiten, besonders in komplexen sozialen Situationen, wo mehrere Gesprächs- oder Spielpartner involviert sind. Durch den Lockdown wurden die die sozialen Kontakte plötzlich auf ein Minimum reduziert. Auch die Kommunikationskanäle veränderten sich. Vieles lief über Textnachrichten oder Videokonferenz. Die Kommunikation war somit direkter und es gab weniger Interpretationsspielraum und weniger Ablenkung.

Ein weiterer wichtiger Aspekt war auch das Wegfallen des sogenannten „hidden curriculums“ (heimlicher Lehrplan). Damit sind all diejenigen Verhaltensweisen gemeint, welche sich Kinder im Schulalltag von alleine aneignen, ohne dabei von der Lehrperson angeleitet zu werden. Dazu gehören Anpassung, Selbstbeherrschung, Kooperation, Pünktlichkeit etc. Das Einhalten des „hidden curriculums“ fällt Kindern mit einer Autismus-Spektrum-Störung nachgewiesenermassen schwer, da ihnen das intuitive soziale Verständnis, welches zum Erlernen dieser Verhaltensweisen notwendig ist, fehlt. Während des Lockdowns fiel genau dieser Aspekt des Schulalltags weg, was diesen Kindern sehr entgegenkam.

Auf der anderen Seite liefen die Kinder jedoch auch Gefahr, sich sozial noch mehr zu isolieren also sonst. Während neurotypische Kinder von ihren Freunden zu Chats oder Videokonferenzen eingeladen wurden, gingen Kinder mit Asperger-Syndrom eher vergessen oder zogen sich von sich aus zurück.

Fazit: Die soziale Komplexität sollte für Kinder mit einer Autismus-Spektrum-Störung möglichst reduziert werden. Lieber mit nur einem Freund abmachen und Ausflüge an Orte mit vielen Leuten gut vorausplanen.

4. Fernunterricht ist nicht das Gelbe vom Ei

Auch wenn der Fernunterricht von den Lehrern gut organisiert war, so blieb die konkrete Zeitplanung und Tagesstrukturierung am Schüler hängen. Die kleinste Unsicherheit oder Unklarheit wirft ein Kind mit einer Autismus-Spektrum-Störung jedoch sofort aus der Bahn. Deshalb berichten mir viele Eltern von Asperger-Kindern oder -Jugendlichen, dass sie diese während des Fernunterrichts eng begleiten mussten, damit die Kinder sich nicht verzettelten oder das Zeitmanagement nicht im Griff hatten.

Fazit: Das Trainieren der sogenannten exekutiven Funktionen ist besonders bei Kindern mit einer Autismus-Spektrum-Störung von grosser Bedeutung. Wir können dazu beitragen, indem wir zu Hause für möglichst viel Struktur und Ordnung sorgen.

5. Die digitale Welt ist verführerisch

Die meisten Schulen haben während des Lockdowns schnell auf den Fernunterricht via MS Teams oder andere Plattformen für die virtuelle Zusammenarbeit umgestellt. Die Schüler waren somit gezwungen, viel am Computer zu arbeiten. Die Versuchung, nebenbei auch noch ein bisschen zu gamen, etwas auf YouTube zu schauen oder ein wenig zu programmieren, war gross. Gerade Kinder und Jugendliche mit einem Asperger-Syndrom zeigen eine gewisse Affinität zur digitalen Welt. Stundenlang vor dem PC zu sitzen, ist im normalen Schulalltag nicht möglich. Während des Lockdowns aber waren die Grenzen zwischen Schule und Freizeit am PC fliessend.

Fazit: Wie im vorherigen Punkt angedeutet, ist es wichtig, die exekutiven Funktionen bei Asperger-Kindern und -Jugendlichen zu trainieren. Auch die Impulskontrolle ist Teil davon. Im „normalen“ Alltag müssen wir wieder dafür sorgen, dass die Zeit vor dem PC eingeschränkt ist.

6. Die vielen Termine in der Schule sind überflüssig

Eine Exkursion dort, eine Projektwoche da. Fast jede Woche findet irgendein schulischer Anlass statt. Für Asperger (und wahrscheinlich auch viele neurotypische) Kinder bedeutet dies zusätzlichen Stress neben dem normalen Schulalltag. Auch wenn die Anlässe schön und gut gemeint sind, absorbieren sie Zeit und Energie der Schüler und Eltern. Dies wurde vielen Eltern erst während des Lockdowns bewusst, als alle diese Zusatzaktivitäten weggefallen sind.

Fazit: Weniger wäre oft mehr. Es lohnt sich zu überlegen, welche Termine oder Anlässe für Ihr Kind wirklich gewinnbringend sind. Womöglich ist es stressfreier für Ihr Kind, wenn es von gewissen Spezialanlässen dispensiert wird.

7. Ein Leben nach der inneren Uhr ist sehr erholsam

Viele autistische Kinder und Jugendliche schlafen schlecht ein oder durch (lesen Sie mehr zu dem Thema in meinem Blog „Schlaf Kindlein, schlaf“). Dies hat sich während des Lockdowns zwar nicht geändert, aber wenigstens durften die Kinder dann morgens länger im Bett bleiben und sich nach ihrer inneren Uhr richten.

Fazit: Leider lässt sich am Stundenplan nichts ändern. Als Eltern können Sie aber dafür sorgen, dass sich Ihr Kind in seiner Freizeit regenerieren und erholen kann.

Möchten Sie sich mit anderen Eltern von Asperger-Kindern austauschen? Dann melden Sie sich zu einem meiner Elternseminare an. Alle Infos dazu finden Sie hier.